Gedanken zu Karfreitag, 10. April 2020

Sofort krähte zum zweiten Mal ein Hahn. Da erinnerte sich Petrus an das Wort, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: «Bevor der Hahn zweimal kräht, wirst du dreimal bestreiten, dass du mich kennst.» Und er war ausser sich und weinte lange. (Markus 14, 72)

Lieber Petrus, Bei dir haben sich die letzten Tage und Stunden überschlagen. So viel war los, seit du vor einer Woche mit Jesus nach Jerusalem kamst. So viel Beängstigendes, so viel Schreckliches.

Hast du jemals daran gedacht, dass es so enden würde? Damals als Jesus dir zum ersten Mal begegnete und dich und deinen Bruder zum Mitkommen aufforderte. Damals hast du kaum gezögert. Bist einfach mitgegangen. Hast dich zum Menschenfischer machen lassen. Und jetzt liegt alle Hoffnung, die du auf diesen Mann aus Nazareth gesetzt hattest in Trümmern. Oder hoffst du immer noch, dass ein Wunder geschieht? Dass Jesus sich selbst befreien wird, wie einige Schriftgelehrte höhnen?

Nein, du glaubst kaum an ein Wunder. Sonst würdest du nicht den Mut verloren haben und die Bekanntschaft mit dem Angeklagten leugnen. Wenigstens bist du in seiner Nähe geblieben. Bist nicht fortgerannt und hast dich versteckt wie die andern. Doch die Leute am Feuer kannten dich. Hatten dich mit ihm gesehen. Oder einfach nur deinen breiten galiläischen Dialekt erkannt. Jedenfalls haben sie dich mit ihm in Verbindung gebracht. Und du hast das weit von dir gewiesen. Nein, den kennst du nicht. Du hast nichts mit ihm zu schaffen.

Du, der du diesen Jesus so verehrst. Jesus, den du als von Gott versprochenen Christus bekannt hast. Mit dem willst du jetzt nichts mehr zu schaffen haben.

Und dann erinnerst du dich, dass er genau das vorhergesehen hat. Deine Impulsivität und deine Erschrockenheit darüber. Wie gut er dich kannte! Vielleicht besser als du selbst dich kennst. Er wird dir nie mehr sagen können, woran du in deiner überstürzten Art nicht denkst. Du kannst ihm nie mehr sagen, dass er recht hatte und dass es dir leidtut.

Nie mehr.

Kein Wunder, dass du bittere Tränen weinst und fast nicht mehr aufhören kannst.

Ach, Petrus, wenn du wüsstest, wie viele «nie mehr» es seither gegeben hat. Und wenn du wüsstest, wie oft dein Jesus von uns, den Seinen, seither verleugnet wurde. Sehr viel schlimmer als du das getan hast. Du müsstest wohl noch mehr Tränen weinen.

Manchmal kommt es mir vor, als ob wir Christus tagtäglich zu Tode foltern. Klar, wir haben viel dazu gelernt seither. Wir setzen uns viel stärker für die Rechte anderer ein als das zu deiner Zeit üblich war. Todesstrafe gibt es in vielen Ländern nicht mehr. Und unsere letzten Wochen haben viel Solidarität und Unterstützung gezeigt. Niemand soll allein bleiben und zusammen schaffen wir das. Niemand soll allein bleiben, wie du damals allein warst, als du ums Feuer standst.
Und doch, weisst du, beschäftigen mich heute am Todestag von Jesus all die Menschen, die wir dennoch weiterhin allein lassen, sogar sterben lassen und in denen ich doch Christus glaube.
Da sind zum Beispiel diese Flüchtlingscamps in Griechenland. Wir in der Schweiz werden dazu angehalten wegen eines Virus Hygienemassnahmen zu treffen. Hände waschen, körperlichen Abstand halten, keine Menschenansammlungen – herausfordernd für unsere Psyche, aber machbar. Es geht uns soweit gut. Und die Menschen dort, die können keine Massnahmen treffen. Die leben auf engstem Raum zusammen. Die haben kein fliessendes Wasser. Die haben keine Ärzte, keine Spitäler, keine Beatmungsgeräte. Wenn dort das Virus ausbricht? Die werden daran ersticken. Wie Christus am Kreuz erstickt ist! Und wir, lieber Petrus, wir sagen: «Mit denen haben wir nichts zu schaffen.» Genau wie du damals.
«Was sollen wir denn tun, uns sind die Hände gebunden.»

Lieber Petrus, Dir waren damals ja tatsächlich die Hände gebunden. Wie solltest du allein gegen die Todesmaschine Rom vorgehen? Jesus hatte es dir ja sogar verboten, nachdem du dem Soldaten das Ohr abgeschnitten hattest. Wir heute, wir sind nicht allein. Wir könnten etwas tun. Es gäbe so viel weniger Leid und Tod, wenn die Solidarität nicht an den Landes-, Sprach- oder Religionsgrenzen aufhören würde. Denn wir sind die Todesmaschine. Wir sind es, die etwas tun könnten. Ja, die etwas tun müssten.

Und doch, Petrus, doch sitze ich allein zu Hause und tue nicht mehr, als dir meine Gedanken zu schreiben.

Und manchmal kann ich nicht mehr. Und wie du, kann ich dann nur noch weinen.


Pfrn. Melanie Muhmenthaler
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