Gedanken zum Sonntag, 19. April 2020

Gedanken zum Sonntag Quasimodogeniti

Jesus spricht: «Du sollst nicht länger ungläubig sein, sondern zum Glauben kommen!«
28 Thomas antwortete ihm: »Mein Herr und mein Gott!«
29 Da sagte Jesus zu ihm:»Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!« (Joh 20,29)


Nachdem Maria und die anderen Frauen die frohe Botschaft verkündigt haben, nachdem Petrus zum leeren Grab gelaufen ist, nachdem sie es allen gesagt haben: Er ist auferstanden! herrscht grosse Aufregung im Jünger*innenkreis.
Alle sind nach dem ersten Schrecken so voller Freude und schmieden eifrig Pläne, wie sie möglichst alle Menschen erreichen, denen die Auferstehungsbotschaft verkündigen wollen.
Sie sitzen zusammen und Petrus und Maria haben den Lead. Sie koordinieren die Jünger und Jüngerinnen und stellen Pläne auf, wer wohin geht und wer wen benachrichtigen soll.
Einige wollen sofort zurück nach Galiläa und bei die Bevölkerung dort auf den Auferstandenen vorbereiten, andere wollen erst Schriftgelehrte wie Simon oder Nikodemus unterrichten, damit die Botschaft in den Synagogen gelehrt wird. Und Salome, Johanna und andere wollen Brunnen und Backstuben und Waschplätze beim Fluss aufsuchen, um den vielen Frauen dort zu berichten.
«He, Thomas, mit wem gehst du mit? Machst du dich auf den Weg nach Galiläa? Oder kannst du zu Maria, Marta und Lazarus gehen? Jemand muss ihnen Bescheid sagen, dass er auferstanden ist!» sagt Petrus.
Thomas ist die ganze Zeit zusammengesunken in einer Ecke gesessen, während Petrus die Leute zu Gruppen eingeteilt hat. Erst jetzt äussert er sich zögernd: «Petrus, ich kann immer noch nicht glauben, was ihr da sagt. Ich kann nichts unternehmen, bevor ich den Auferstandenen nicht mit eigenen Augen gesehen habe.
Ich habe gesehen, wie Jesus vor einer Woche zu Tode gefoltert wurde und am Kreuz starb. Und jetzt behauptet ihr, er sei gar nicht tot.
Und selbst wenn er wirklich auferstanden wäre. Wie könnt ihr diese Botschaft so leicht verdauen. Wisst ihr denn, was ihr da sagt?»
«Natürlich wissen wir das, Thomas» mischt sich Maria ein. «Er lebt. Seine Botschaft geht weiter. Gott ist gross. Gottes Reich kommt. Das müssen die Leute wissen. Wir müssen es ihnen sagen!»
«Ich brauche Zeit. Ich muss nachdenken. Ich wünschte ich könnte euch glauben. Aber noch mehr wünschte ich, ich könnte ihn sehen und berühren.» Thomas kann nicht in die Euphorie der andern einstimmen.
Nun mischt sich auch Nathanael ein: «Lasst Thomas doch die Zeit, die er braucht. Petrus und Maria, ihr könnt euch glücklich schätzen, ihr habt den Auferstandenen gesehen. Thomas war halt nicht dabei.»
Und so bleibt Thomas nachdenklich sitzen, während sich die andern freuen und Pläne schmieden. Er wünschte, er könnte sich mit ihnen freuen. Doch etwas hindert ihn. So schnell kann er den schrecklichen Tod am Kreuz nicht vergessen. Die Bilder in seinem Kopf nicht verdrängen.
Er geht alles, was er mit Jesus erlebt hat nochmals durch. Er erinnert sich an Worte aus den heiligen Schriften, die Jesus zitiert hat. Er versucht zu verstehen, wie das alles zusammenhängt. Er versucht zu verstehen, wie eine so grosse Vision vom Königreich Gottes und vom Messias ein so grausames und jähes Ende nehmen konnte.
Wie konnte Gott das zulassen. Warum hatten sie Jesus nicht aufgehalten, als er nach Jerusalem zog, warum…da plötzlich ist Jesus in ihrer Mitte.
Eine Woche später sind es schon mehr Menschen geworden, die die Auferstehungsbotschaft erreicht hat. Die Anhänger*innen des Auferstandenen planen weiter in ihrer Freude. Alle sollen wissen: Er lebt.
Thomas ist noch immer zögerlich dabei. Nathanael meint: «Aber Thomas, du hast ihn gesehen. Mehr noch, du hast ihn berührt! Niemand ausser dir durfte den Auferstandenen berühren. Du könntest soviel aus dieser Erfahrung machen, so viele Menschen damit beeindrucken! Zweifelst du denn immer noch?»
«Nein Nathanael, es sind nicht Zweifel, die mich zurückhalten. Als ich meine Hände in seine Wunden legte, war es, wie wenn nicht ich ihn, sondern Gott selbst mich berührt. Ich vertraue jetzt. Ich weiss, wir sollen die Vision von Gottes Königreich weitertragen. Ich glaube dem Auferstandenen. Aber ich kann noch nicht wie ihr, nach aussen losstürmen. Ich brauche Zeit, um einzuordnen, was mir passiert ist. Ich werde meine Geschichte erzählen – aber ich möchte damit nicht die Menschen beeindrucken. Ich möchte sagen, dass es nicht Zweifel sind. Es ist mein Glaube. Ich brauche Zeit, um die richtigen Worte zu finden.»
Nathanael lacht: «Immer brauchst du Zeit, Thomas. Aber wie heisst es so schön, alles hat seine Zeit. Es wird die Zeit kommen, in der deine Geschichte erzählt wird.»

Pfrn. Melanie Muhmenthaler