Gedanken zum 2. Sonntag nach Ostern Miserikordias Domini 26.4.2020

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Joh. 10,11a.27.28)


Nach fünf Wochen hat der Bundesrat nun eine Lockerung des „Lockdowns“ aufgezeigt. Ein Weg aus der Corona-Krise soll angegangen werden, sodass es möglichst keinen Rückfall gibt.
Viel zu früh, viel zu schnell und zu unvorsichtig sagen die einen. Viel zu strikt und viel zu wenig an die Wirtschaft gedacht, sagen die andern.
Auf welche Stimmen soll man hören? Soll man den Bestimmungen vertrauensvoll folgen - die entscheiden es schon richtig - oder soll man wachsam kritisch mit den Einschränkungen der Grundrechte umgehen? Ärzte, Virologinnen, Wirtschaftsverbände – alle argumentieren mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten, wem soll man vertrauen?
In der momentanen Situation weiss niemand genau, wie es weitergehen wird und welche Entscheide die richtigen sind. Vielleicht gibt es gar keine richtigen Entscheide. Es ist und bleibt, wie so vieles im Leben, ein vorsichtiges Abwägen mit vielen unbekannten Faktoren und Risiken. Wen schützt man, woran denkt man vielleicht nicht, wer ist besonders betroffen von den Auswirkungen, wem schaden sie, wem nutzen sie? Ich bin froh, muss ich nicht diese Entscheidungen fällen und damit auch nicht die Verantwortung tragen für das, was für niemanden vorhersehbar ist.
Auf welche Stimme soll man hören im Stimmengewirr der Lösungsvorschläge?
Christus spricht im Wochenspruch zum heutigen Sonntag: «Meine Schafe hören meine Stimme.»
Ich könnte also sagen: auf Christi Stimme soll man hören. Doch wie hört man diese Stimme? Und hat sie eine eindeutige Antwort in der momentanen Situation? Ich glaube nicht, dass es eine eindeutige christliche Antwort zur Corona-Krise gibt. Die Stimme Christi hören und ihr folgen, ist immer Auslegungssache. Ein Abwägen, ein genaues Hinhören, ein Forschen in den Texten und in sich selbst. Das heisst nicht, dass es keine Antwort gibt oder beliebige Antworten. Denn trotz Auslegungsbedarf sind die biblischen Texte in denen geforscht wird da. Sie sind die Grundlage des Hörens auf Christi Stimme.
«Ich bin» sagt Christus im Johannesevangelium siebenmal. «Ich bin… das Brot; das Licht; die Tür; der gute Hirt; die Auferstehung und das Leben; der Weg, die Wahrheit und das Leben; der wahre Weinstock.
Diese sogenannten «Ich bin»-Worte weisen alle hin auf Jesu enge Verbindung mit Gott. Gott, der sich im ersten Testament mit seinem Namen zeigt als «Ich bin da». Gott ist da. In der Krise, im Leben. Auch und gerade dort, wo es keine richtige Entscheidung möglich sind, ist Gott da. Gott ist in den Ambivalenzen des Lebens. Auch dort, wo Menschen scheitern.
Und ganz besonders ist Gott da, wo Menschen leiden und sich in existenziellen Ängsten befinden. Gott ist auch da, wo grad alles bestens läuft. Gott ist da.
Und die zu Christus gehören, hören seine Stimme.
Wie also hört man die Stimme Christi aus dem Stimmengewirr des Lebens? Welcher Stimme folgt man?
Ich denke die Selbstisolation und das Abstand nehmen, gibt Zeit, in sich zu horchen, und seinen Gedanken nachzugehen. Zum Beispiel mit einer kleinen Meditation:
Nehmen Sie sich Zeit, setzen Sie sich hin, schauen Sie aus dem Fenster.
Lesen Sie für sich ihren Lieblingsbibelvers oder die Losungen.
Lassen Sie den Text auf sich wirken.
Schauen Sie nochmals hinaus. Hat sich etwas verändert, in dem wie Sie hinsehen? Ist alles gleich geblieben?
Nehmen Sie ihren Vers mit in den Tag bei dem, was sie tun. Verändert er Ihren Blick auf den Tag?


Pfrn. Melanie Muhmenthaler